Die Vorsokratiker: ein kurzer Überblick

„Die Größe der Vorsokratiker […] liegt nicht nur in dem Faktum begründet, dass die Philosophie mit ihnen ange­fangen hat. Denn darüber lässt sich streiten und ist tatsächlich auch gestritten worden. Sie liegt vielmehr darin, dass viele wesentliche Fragen, Themen und Bedingungen der Wissenschaft und der Phi­losophie erstmalig in den uns erhaltenen Äußerungen dieser Pio­niere aufzufinden sind.“ (Mansfeld & Primavesi, 2011, p. 9).

Mit diesen Sätzen der führen Mansfeld und Primavesi ihre Neubearbeitung einer Sammlung von Texten ein, die uns von den Vorsokratikern selbst und den wichtigsten sekundären Zeugnissen ihres Lehrens und Wirkens überliefert sind. Und in einem etwas späteren Satz charakterisieren sie diese Fragen und Themen wie folgt:

„Wenn es eine Vorbildhaftigkeit der Vorsokratiker gibt, so ist sie vor allem in einer kritischen und rationalen Haltung begründet, die nicht bloße kul­turgeschichtliche Tatsache sein sollte, sondern heute kaum weni­ger als damals errungen werden muss.“

Die Vorsokratiker zeigten diese neue Haltung im Umgang mit Fragen nach Ursprung und Beschaffenheit der Welt. Statt Geschichten mit übernatürlichen Akteuren zu erfinden oder auszuschmücken, gingen sie von Beobachtungen der Natur aus, um Antworten auf ihre Fragen zu finden. Dabei setzten sie auf Gesetzmäßigkeiten in der Natur und nutzten Analogien und Verallgemeinerungen. Sie erfanden gewissermaßen die rationale Begründung, entdeckten den Logos als Denkwerkzeug bei der Suche nach der Wahrheit über die Beschaffenheit und Ordnung der Natur. Mit dem heutigen Wissen ausgestattet erkennen wir hier die ersten Anfänge unseres wissenschaftlichen Zeitalters.

Gemeinsamkeiten

Man wird sich zunächst fragen, warum man denn gerade jene Philosophen zu einer Gruppe zusammenfasst, die in der Zeit vor Sokrates gewirkt haben. Insbesondere drängt sich diese Frage auf, wenn man bemerkt, dass z.B. Zenon (-490 bis -430) und Demokrit (-440 bis -370) schon als Zeitgenossen von Sokrates (-469 bis -399) angesehen werden können.

Entscheidend ist wohl, dass mit Sokrates ein ganz neues Thema in dieser so jungen Philosophie aufkam. Die Philosophen vor Sokrates waren Naturphilosophen, es ging ihnen um die Ordnung in der Welt und um deren Anfang, um die „Physis“ – sie waren gewissermaßen die ersten Physiker. Sokrates dagegen „rief als Erster die Philosophie vom Himmel auf die Erde“, wie Cicero (-106 bis -34) in seinen Gesprächen in Tusculum (Cicero, 2008, pp. V, 10-11) gesagt hat, und Diogenes von Laertius hat über mehrere Mittelsmänner erfahren, dass Sokrates erkannt habe, dass die Naturphilosophie für „uns“ [damit meinte er wohl sich und seine Diskussionspartner] nichts tauge. So habe er sich der Sittenlehre zugewandt (Laertius, 2015, p. 77). Die Ethik wurde also das neue Thema, Fragen nach den besten Regeln für ein Zusammenleben der Menschen und für ein „gutes“ und glückliches Leben. Man spricht dabei von einer Sokratischen Wende: Weg von der Physik – hin zur Ethik. Damit begann eine neue Epoche der Philosophie.

Überlieferung und Lebensdaten

Von den Werken der meisten Vorsokratikern sind nur wenige Fragmente erhalten geblieben. Unser Wissen über ihre Lehren beziehen wir aus oft auch nur fragmentarisch vorliegenden Werken von Platon, Aristoteles, Theophrastos und vielen späteren Doxographen.

Über die Vorsokratiker ist viel geschrieben und gerätselt worden. Als besonders erhellend habe ich neben der Sammlung von Mansfeld und Primavesi die Bücher von Schupp (Schupp, 2003a) und Pichot (Pichot, 2000) empfunden. Auch das in der Zeit um 220 verfasste Werk „Leben und Meinungen berühmter Philosophen“ von Diogenes Laertius ist lesenswert, allein wegen der vielen Anekdoten. Man bekommt dort einen Eindruck davon, wie viel Fantasie bei solchen Berichten im Spiel gewesen sein muss.

Aus Abb.1 kann man die Lebensdaten prominenter Vorsokratiker entnehmen. Mit den Ellipsen sind jeweils die Philosophen zusammengefasst, die man einer bestimmten Schule zurechnet.

Abb. 1: Chronologie prominenter griechischer Philosophen vom 7. bis 2. Jahrhundert v.Chr. (© J.Honerkamp)

Mit Thales von Milet entstand die früheste dieser Schulen, die Schule von Milet. Die pythagoreische Schule um Pythagoras und die Pythagoreer spielten eine ebenso einflussreiche Rolle wie die Schule von Elea, deren bedeutendste Vertreter Xenophanes und Parmenides sind. Diese wirkten in Elea, einer griechischen Siedlung in Süditalien. Der Philosoph Heraklit, der hier noch aufgeführt wird, lässt sich eigentlich keiner Schule zuordnen. Die Philosophen Anaxagoras, Zeno von Elea, Empedokles und Demokrit sind prominenteste Vertreter der Pluralisten und Atomisten. Diese wirkten vorwiegen in Athen.

Wirkungsstätten

Wie man in Abb.2 sieht, lebten und wirkten die meisten bedeutenden Philosophen und Mathematiker der griechischen Antike nicht im griechischen Mutterland, sondern in den Küstenstädten griechischer Siedlungen, ob in Süditalien, Sizilien, der heutigen Türkei oder in Ägypten. Erst mit Anaxagoras wurde Athen zum Zentrum der Philosophie der Griechen.

Abb.2: Wirkungsstätten antiker griechischer Philosophen (nach (Symonyi, 1990, p. 59)).

Man kann das verstehen. Grundlage einer jeden Zivilisation war auch damals schon Handel, Verwaltung und Bautätigkeit. Insbesondere der Handel zog Leute an, die mutig genug waren, die Gefahren einer Reise auf sich zu nehmen, und die sich auch an die Lehren, Sitten und Gebräuche anderer Länder gewöhnen konnten. Von den Küstenstädten aus muss es über den Handel wohl auch einen regen kulturellen Austausch mit dem jeweiligen Hinterland, z.B. mit Babylonien oder mit Ägypten, gegeben haben. All das mag eine gewisse Wachheit und Aufgeschlossenheit bewirken und unkonventionelle Gedanken begünstigen. Außerdem waren die Küstenstädte gerade wegen des Handels reich geworden und gestatteten eine Lebeweise, die auch Nonkonformisten ertragen oder gar würdigen konnten.

Das war eine Atmosphäre, in der philosophisches Denken gedeihen und die Philosophen anziehen konnte. So wissen wir von manchen Vorsokratikern, dass sie in ihren jungen Jahren in der damaligen Welt viel herumgekommen waren, ob als Händler, ob als Flüchtling vor politischer Verfolgung oder auf der Suche nach einem Lehrer. Hier kann man also auch sehen, dass kultureller Austausch auf die Dauer Früchte tragen kann.[1]

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Die kulturelle Situation der Zeit

Die Vorsokratiker konnten damals nicht wissen, dass die Fragen nach dem Ursprung und der Beschaffenheit der Welt als Ganzem zu ihrer Zeit auch in anderen bedeutenden Kulturräumen der Erde diskutiert wurden. Zwischen allen Kulturen rund um das Mittelmeer hatte es wohl schon immer einen regen Austausch von Ideen über Götter gegeben. Aber unabhängig davon trat in China Konfuzius (ca. -551 – -479) auf und lehrte, dass die Welt eine Ordnung habe und dass es das höchste Ziel des Menschen sei, in Harmonie mit dieser Ordnung zu leben. In Indien entstanden zwischen -800 und -600 eine Sammlung philosophischer Schriften, die Upanishaden. In unserem Zusammenhang ist insbesondere die Vaisheshika interessant, ein System einer Naturphilosophie, in der von fünf Grundelementen die Rede ist; neben den vieren, die auch die Griechen nannten, gab es hier noch den Äther. In Persien breitete sich in der Zeit von -800 bis -300 der Zoroastrismus aus und in Palästina wirkten die biblischen Propheten. Der Philosoph Karl Jaspers (1883-1969) hat deshalb für die Zeit von -800 bis -200 den Begriff „Achsenzeit“ geprägt. Inzwischen sehen viele Historiker diesen aber als nicht besonders sinnvoll an.

Nicht nur auf dem Gebiet des Mythos und einer beginnenden Naturphilosophie gab es eine parallele Entwicklung. Die Menschen lernte mit Zahlen elementare Rechnungen auszuführen und dabei auch unabhängig von praktischen Problemen Lösungen für einfachere mathematische Aufgaben zu finden. Der niederländische Mathematiker B.L. van der Waerden hat die frühzeitliche Mathematik der Chinesen und Babylonier studiert und erstaunliche Parallelen in Aufgabenstellung und Lösungsvorschlägen festgestellt. Ebenso sind starke Ähnlichkeiten mit der Mathematik der Hindus aufgefallen. Da auch bei der Konstruktion der megalithischen Monumente in Süd-England (Stonehedge) die Kenntnisse über pythagoräische Dreiecke (vgl. einen späteren Blogbeitrag) benutzt worden ist, sieht van der Warden die Quelle all dieser Kenntnisse in einer megalithischen Kultur des Zeitraums von -3.000 bis -2.500, nimmt also schon einen ganz frühen kulturellen Austausch auf dem Gebiet der Mathematik an (van der Waerden, 1983, p. XI).

Ich glaube aber eher, dass die Menschen stets in etwa auf dem gleichen evolutionären Stand waren, deshalb auch die gleichen Probleme in ihrer Lebenswelt zu lösen hatten. Handel, Verwaltung und Bautätigkeit benötigt eben Planen und damit einige Künste im Rechnen. Dieses Phänomen der parallelen Entwicklung zeigt höchstens die Universalität des mathematischen Denkens.

Wie dem auch sei. Tatsache ist, dass die antiken Griechen die Mathematik, die sie von den Babyloniern und Ägyptern überliefert bekommen haben, entscheidend fortentwickelt und sie dabei zu einer ersten Wissenschaft gemacht haben. In einem Blogbeitrag über die pythagoräische Schule werden ich darauf eingehen. Mit diesem Schritt, der von dieser Schule eingeleitet wurde, ist also der Logos „lebendig“ geworden, denn die Mathematik erhält ihre Strenge und Unfehlbarkeit dadurch, dass sie in ihren Deduktionen nur logische Schlussregeln benutzt (vgl. einen späteren Blogbeitrag). Die Griechen haben dabei den mathematischen Beweis entdeckt. Darin besteht die Einzigartigkeit der antiken griechischen Kultur.

Mit der Wiederentdeckung dieser Kultur zu Zeiten der Renaissance in Westeuropa konnte daran angeknüpft werden und damit wurde eine Entwicklung in Gang gesetzt, die für eine gewisse Zeit zur kulturellen und wirtschaftlichen Dominanz der westlichen Welt geführt hat. Diese scheint allerdings bald der Vergangenheit anzugehören.

Unwillkürlich fällt einem hier der Aufstieg einer überseeischen Siedlung der Europäer im 16/17. Jahrhundert ein: Die Vereinigten Staaten von Amerika zogen auch bald viele Intellektuelle Europas an und sind seit dem frühen 20. Jahrhundert bis heute kulturell und wirtschaftlich dominierend.

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Cicero, 2008. Tusculanae disputationes/Gespräche in Tusculum. Lateinisch/Deutsch. Stuttgart: Reclam.

Laertius, D., 2015. Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Hamburg: Felix Meiner.

Mansfeld, J. & Primavesi, O., 2011. Die Vorsokratiker. Stuttgart: Philipp Reclam jun..

Pichot, A., 2000. Die Geburt der Wissenschaft – Vone den Babyloniern zu den frühen Griechen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Hrsg. Frankfurt, New York: Campus.

Schupp, F., 2003a. Geschichte der Philosophie im Überblick – Bd.1 Antike. Hamburg: Felix Meiner.

Symonyi, K., 1990. Kulturgeschichte der Physik. Thun: Harri Deutsch.

van der Waerden, B., 1983. Geometry and Algebra in Ancient Civilizations. Berlin: Springer.

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