Wie der Deutsche Bundestag MeToo-Fälle im eigenen Haus ignoriert

Agathe arbeitet schon drei Jahre im Bundestag, als sie von einem Parteikollegen nach einer Feier nach Hause gebracht wird. Sie habe ihm den ganzen Abend nicht aus dem Wege gehen können. Ihr sei es vorgekommen, als wolle er sie möglichst öffentlichkeitswirksam erobern, ständig habe er sich neben sie gestellt. „Ich hatte gehofft, mich doch noch irgendwie herauswinden zu können”, sagt sie. „Ich hatte gehofft, er sei anständig.“

Agathe arbeitet für eine der Oppositionsparteien und heißt eigentlich anders. Weil sie ihrer Partei nicht schaden, nicht als „Nestbeschmutzerin” gelten will, bittet sie darum, in diesem Text anonym zu bleiben. Es habe geregnet, deshalb hätten sich der Abgeordnete und sie damals vor zwei Jahren unter das kleine Vordach gestellt und eine Zigarette geraucht, so erinnert sich Agathe im Gespräch mit BuzzFeed News Deutschland. Die Taxis seien an ihnen vorbeigerauscht. „Wann steigt der endlich ein in so ein verdammtes Taxi?“, habe sie gedacht.

Dann habe der Mann sie mit seinem Körper an die Wand gedrückt und versucht, sie zu küssen. Sie ist damals 27, der Mann Mitte 40. Er ist viel größer als sie. BuzzFeed News ist der Name des Abgeordneten bekannt.

Sie habe sich aus seinem Griff gewunden und ihn von sich fort gedrückt. Wütend sei sie die Treppe hoch in ihre Wohnung gestürzt. „Ja“, sagt sie, wie zur Entschuldigung, „ich hatte mich nicht dagegen gewehrt, dass er mich nach Hause bringt.“ Sie habe gedacht, sie hätten ein kollegiales Verhältnis gehabt. Eines, in dem eine solche Grenzüberschreitung tabu sei. Kurz danach spricht sie mit einer Kollegin darüber. BuzzFeed News hat auch mit der Kollegin gesprochen; beide Erinnerungen decken sich.

Erst in diesem Jahr erfährt Agathe, was der Abgeordnete damals triumphierend in der Fraktion rumerzählt haben soll: Dass sie es gewesen sei, die ihm den Kuss aufgezwängt habe, ihn gar „flachgelegt” habe. Agathe ist noch immer aufgebracht, wenn sie davon spricht. Und sie weiß noch immer keine Antwort auf die Frage, an wen sie sich damals hätten wenden sollen.

„Wirklich ekelhaft“

Auch im Bundestag gibt es Fälle sexueller Belästigung, von Mobbing oder anderweitigem Machtmissbrauch. Nur: Sprechen will darüber fast niemand. In den Medien gibt es bisher so gut wie keine Berichterstattung.

BuzzFeed News hat deshalb Anfang 2018 alle Bundestagsabgeordneten angeschrieben, mit der Bitte, an einer anonymen Umfrage zu MeToo teilzunehmen. Lediglich 27 Abgeordnete meldeten sich zurück. 27 von 709.

BuzzFeed News hat in den vergangenen Wochen außerdem knapp 60 mittlerweile aus dem Bundestag ausgeschiedene Politikerinnen kontaktiert. Auch hier melden sich bislang nur wenige zurück. Eine schreibt: „Ich bitte Sie um Verständnis, dass ich an dem Gespräch kein Interesse habe.“

Die wenigen Frauen, die mit BuzzFeed News sprechen, tun dies fast alle unter der Bedingung, dass sie nicht namentlich genannt werden. In unseren Gesprächen wird deutlich: Keine der Politikerinnen will als Opfer gelten.

Wer im Bundestag arbeitet, ob als Abgeordnete oder Mitarbeiterin, hat sich nicht selten gegen Widerstände in den noch immer stark männlich dominierten Strukturen dorthin gekämpft. Das wollen insbesondere Frauen nicht riskieren.

Recherchen von BuzzFeed News zeigen zudem: Die rund 9000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bundestag, in der Verwaltung, in den Fraktionen und den Abgeordnetenbüros haben kaum Möglichkeiten, sich zu beschweren. Es gibt keinen Schutz und keine Strukturen, die Betroffene unterstützen oder auffangen könnten.

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