Der große Sprung

„Big Bounce“: Jonas Marqua in Aktion.

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„Big Bounce“: Jonas Marqua in Aktion. Bild: RTL Presse

Spielshows auf RTL lehren uns derzeit mehr über die Gesellschaft als „Lindenstraße“ und „Fernsehgarten“: Dort wird ein Querschnitt unseres Einwanderungslandes sichtbar, den die Öffentlich-Rechtlichen ignorieren.

Im Augenblick windet sich die „Lindenstraße“ durch eine Nebengeschichte, in der sich der ewige Doktor Dressler mit Jamal arrangieren muss: Das ist ein junger Tunesier, der auf der Flucht von seiner Familie getrennt wurde, als unbegleiteter Jugendlicher nach Deutschland kam und in München jetzt eine Ausbildung in der Pflege macht. Und der nicht nur blendend aussieht, sondern auch noch blendend Deutsch spricht. Und dessen Figur derart auf ein modellhaftes Verhalten angelegt ist, welches dann auch noch auf deutsche eingeborene Nervensägen wie Doktor Dressler zivilisierend wirkt, dass es einfach nicht auszuhalten ist.

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Schon immer ist Geißendörfers Serie ja eine Art Dauerwerbesendung für problembewusstes Leben in der Bundesrepublik gewesen: Aids, Atomkraft, Schwule, Nazis, alles schon mal da gewesen und verhandelt worden. Und selbst wenn man dafür ist, dass Fernsehunterhaltung gar nicht genug echte Welt enthalten kann, ergeben die guten Absichten hinter einer Figur wie Jamal in Kombination mit den so offensichtlich gebauten Kulissen dieser Münchner Lindenstraße in Köln das peinigende Gefühl, einer Versuchsanordnung im Labor zusehen zu müssen. Lauter Stellvertreterinnen und Stellvertreter stereotypischer Konflikte in stereotypem Austausch. Leblos dank guter Absichten.

Wie funktioniert das dann aber unterhaltsam und klug: Repräsentation sozialer Vielfalt im Fiktionalen? Auch Hollywood diskutiert diese Frage seit einiger Zeit, indem aber erst einmal mit dem Istzustand abgerechnet wird: Wie viele schwarze Regisseure und Darstellerinnen sind für den Oscar nominiert? Wie viele Frauen sind überhaupt nominiert – und in welchen Funktionen? Jetzt, eine Woche vor der diesjährigen Verleihung des Oscars am kommenden Sonntag, gehen im Netz zum Beispiel Statistiken herum, in denen die Redeanteile männlicher und weiblicher Figuren in preisgekrönten Spielfilmen der vergangenen Jahre verglichen werden. Um es so zu sagen: Das Ergebnis entspricht nicht gerade dem Mario-Barth-Klischee, dass Frauen viel mehr reden als Männer. Ganz im Gegenteil.

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Dass es eine Vorbildfunktion des Fiktionalen gibt, dass Ausgeschlossene sich eingeschlossen fühlen, sobald sie in einem Massenmedium sichtbar werden, ist aber keine Erfindung von Feministinnen. Oder von linken Bürgerrechtlern. Als sich im vorigen Herbst Politiker der AfD mit den Chefredakteuren von ARD und ZDF in Dresden auf ein Podium setzten, um über „Medien und Meinung“ zu diskutieren, bemängelte der Neurechte Moderator der Veranstaltung, Andreas Lombard, dass im „Tatort“ kein Ermittler mehr ein klassisches Familienleben lebt: „Da hat eine starke, konservative Gruppe in der Bevölkerung das Gefühl, nicht angemessen repräsentiert zu sein.“ Selbst die Mehrheit scheint Angst vor dem Verschwinden zu haben, wenn sie nicht als Mehrheit sichtbar bleibt. (Es wäre interessant gewesen, dem Moderator zu antworten, dass in der Patchworkfamilie eines „Tatort“- Kommissars die Kernfamilie halt immer „mitgemeint“ ist – wie man so sagt, wenn es gegen gendergerechte Sprache geht.)

Wenn Fernsehen etwas zeigen soll

Wir wollen sehen, wer wir sind, wir wollen sehen, dass es uns gibt – ein Fernsehen ohne Wunsch nach Abbildung und Identifikation ist offenbar nicht möglich. Man kann, das wissen Austauschschülerinnen genauso wie Migranten, aus dem Fernsehen die Sprache eines neues Landes lernen, in dem man jetzt lebt. Man kann aber aus dem Fernsehen auch erfahren, dass man dazugehört – beziehungsweise, dass man es nicht tut, selbst wenn man einheimisch ist. Der amerikanische Kulturwissenschaftler Henry Louis Gates Jr., einer der prominentesten schwarzen Intellektuellen Amerikas, hat in seinen Memoiren davon erzählt, wie seine Familie, damals in den fünfziger Jahren in West Virginia, immer ans Telefon oder auf die Veranda gestürmt ist, sobald ein Schwarzer auf dem Bildschirm auftauchte – um die Nachbarn zu alarmieren, damit die auch einschalten. „Aus dem Fernsehen“, schreibt Gates, „konnten wir das Farbigsein weiß Gott nicht lernen. Ein farbiges Gesicht im Fernsehen überhaupt zu sehen war ein Ereignis.“

Je weniger Ereignis aber Repräsentation im Fernsehen ist, desto stärker wirkt sie. Je selbstverständlicher, desto selbstverständlicher. Und am stärksten, wenn das Fernsehen bei dem, was es zeigt, gar nicht auf Repräsentation angelegt ist, weil es überhaupt nicht darum geht. Anders als in der „Lindenstraße“, in der die Geschichte um den geflüchteten Jamal, der einen Pflegeberuf ergreift und bestens Deutsch spricht, auf nichts anderes abzielt als auf Repräsentation: Jamals Geschichte soll etwas zeigen, nicht etwas erzählen.

Spektakuläre Stürze und Triumphe

Schaltet man aber aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen einmal weg, zu den abendlichen Spielshows im Privaten, zum Körperkraftspektakel „Ninja Warrior Germany“, zum Trampolinwettbewerb „Big Bounce“, ja sogar zum Gesellschaftstanzformat „Let’s Dance“, alles auf RTL, erlebt man, was das heißen kann: Fernsehen als Einblick in bundesrepublikanische Verhältnisse im Jahr 2019. Dabei wollen all diese Shows nur unterhalten, und das tun sie in einer Intensität, dass man sich oft dabei ertappt, wie man mit debilem Grinsen vor dem Bildschirm sitzt, während die Kandidaten, etwa bei „Big Bounce“, wie Grashüpfer von zwölf Meter hohen Hindernissen springen. Oder zwischen Pilzen aus Schaumstoff hin und her taumeln, das Gleichgewicht verlieren, in noch mehr Schaumstoff stürzen oder sich mit einem eleganten Satz auf das rettende Podest stürzen, um dort den Buzzer zu drücken: Geschafft, nächste Runde.

Und diese Kandidaten heißen Phnote und Sne Belayneh, zwei Brüder aus Köln, 19 und 21 Jahre alt und große Fans vom „Prinz von Bel Air“ alias Will Smith, deswegen tragen die beiden auch eine Ziegelsteinblockfrisur auf dem Kopf. Da ist auch Ahmad Mohammadi, ein gebürtiger Iraner und Filmproduzent aus Dortmund. Daniel Ilagan ist dabei, genau wie sein Zwillingsbruder Dennis, die beiden haben philippinische Wurzeln, Daniel führt die Geschäfte eines Küchenstudios in Hamburg. Auch der fünfzehnjährige Cassian Bürke ist dabei und die gleichaltrige Jolina Thormann, vierundsechzig Kandidaten insgesamt, Kinder, Teenager, Erwachsene, lauter hochtrainierte Menschen, die in der Halle von ihren Familien und Freunden angefeuert werden. An den kommenden beiden Freitagen wird noch in der Qualifikation gesprungen, das Finale dieser bislang zweiten Staffel findet am 8. März statt, hunderttausend Euro sind zu gewinnen.

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Man kann sich mitreißen lassen von den verrückten Parcours, die durch die Halle im niederländischen Breda gebaut werden, von den spektakulären Stürzen und den noch spektakuläreren Triumphen, vom Ehrgeiz und dem Witz und der guten Laune, mit der hier die Kandidatinnen und Kandidaten auch Stunts hinlegen. Deswegen schaut man diese Show, die nichts als unterhalten soll und überhaupt keine pädagogischen Absichten hegt, vielleicht noch, dass einem hier vorgemacht wird, wie viel Spaß es macht, sich zu bewegen.

Aber dann fällt einem etwas auf, was von den Moderatoren der Show, Matthias Opdenhövel und Wolff-Christoph Fuss, bekannt bis berüchtigt aus dem Fußballfernsehen, nicht zur Kenntnis genommen und erst recht nicht extra zur Sprache gebracht wird: Das hier, das Feld der Kandidatinnen und Kandidaten, ein paar Profis, viele Amateure, ist ein Querschnitt durch die Gesellschaft eines Einwanderungslandes. Niemand wollte diese Daten erheben, und doch kommen sie hier zusammen, zufällig. Und führen nichts vor, sondern bilden einfach nur ab. Und zeigen eine Selbstverständlichkeit, die selbstverständlich sein sollte, aber es eben noch nicht ist. Jedenfalls nicht überall. Aber schon einmal hier.

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