Man sollte unbedingt den Mut aufbringen, darüber zu sprechen

Anina F.: Schon. Aber die öffentliche Diskussion der vergangenen Monate hat uns sehr viel Energie gekostet und uns in gewisser Weise überrascht. In der Öffentlichkeit wurde vor allem über die Person Knabe gesprochen und seine Kündigung als das Ende der DDR-Aufarbeitung dargestellt. Es wurde kaum über die Zustände in Hohenschönhausen gesprochen oder darüber, dass wir sechs Frauen einen Brief verfasst haben, in dem wir über sexuelle Belästigungen in der Gedenkstätte berichten. Dabei sollte es genau darum gehen. Eines unserer Anliegen war ja auch, dass unser Brief und die anschließende Diskussion dazu beitragen, ein Klima zu schaffen, in dem es für Frauen leichter wird, zu sprechen und auf Sexismus, sexistisches Verhalten und sexuelle Belästigung hinzuweisen. Aber das ist nicht wirklich passiert. Stattdessen wurde die Entlassung von Knabe zum Anlass genommen, Verschwörungstheorien zu verbreiten.

ZEIT ONLINE: Sie sind bis jetzt anonym geblieben. Wieso?

Anina F.: Viele von uns hatten Angst. Sie hatten Angst vor Knabe und vor den möglichen Auswirkungen auf ihre Karriere. Dies steht sinnbildlich für eine Gesellschaft, in der sexistisches Verhalten teilweise noch als Kavaliersdelikt verstanden wird. Das hat ja auch die Untersuchung von Marianne Birthler ergeben, die nach der Freistellung von Knabe vom Stiftungsrat als Vertrauensperson eingesetzt wurde. Ein weiterer Grund, warum wir anonym geblieben sind, war, dass wir keinen Grund gesehen haben, in der Öffentlichkeit mit Namen aufzutreten. Das tut nichts zur Sache. Das ändert nichts. Gegenüber dem juristischen Apparat und der Politik sind wir allerdings zu keinem Zeitpunkt anonym aufgetreten, sondern von Anfang an mit Klarnamen. Das war uns wichtig.

ZEIT ONLINE: Welchen Rat würden Sie Frauen geben, die sich in einer ähnlichen Situation befinden?

Anina F.: Das Allerwichtigste ist, dass man sexuelle Belästigung und Übergriffe nicht für sich behält. Es gibt ein Antidiskriminierungsgesetz, dem jeder Arbeitgeber unterliegt. Es gibt also eine rechtliche Grundlage, die sexistisches Verhalten untersagt. Man sollte unbedingt den Mut aufbringen, darüber zu sprechen. Das kann auch erst einmal nur mit Freunden sein oder Kolleginnen, denen man vertraut. Aber es ist ganz wichtig, zu wissen, dass man im Recht ist und dass man dieses Recht auch einfordert. Diskriminierung ist nicht Ordnung. Es fällt viel leichter, sich Schritte in einer Gruppe zu überlegen als allein. Ich würde außerdem jeder Frau oder jeder Gruppe raten, genau zu überlegen, wer die übergeordnete Verantwortung trägt, und diese Personen wenn möglich einzubeziehen. In unserem Fall war es sehr eindeutig, dass die Politik zuständig ist, weil die Gedenkstätte zur einen Hälfte von der Berliner Senatsverwaltung und zur anderen von der Kulturstaatsministerin finanziert wird. Wir hatten großes Glück, dass beide sich so schnell einig waren und uns so unterstützt haben. In der freien Wirtschaft oder in kleinen Unternehmen ist es sicherlich schwieriger, etwas zu bewirken. Aber auch da gibt es Personen, die man ansprechen kann, und auch da gilt das Antidiskriminierungsgesetz.

ZEIT ONLINE: Gibt es etwas, dass Sie im Nachhinein anders gemacht hätten?

Anina F.: Nein. Die Schritte waren richtig so. Wir bereuen nichts und waren zu keinem Zeitpunkt fremdbestimmt.

ZEIT ONLINE: Trifft sich Ihre Gruppe immer noch?

Anina F.: Das beste Zeichen ist eigentlich, dass die Gruppe so ruhig geworden ist. Wir müssen uns nicht täglich austauschen, sondern schreiben nur ein paar E-Mails in der Woche und treffen uns auch viel weniger. Wir sind, glaube ich, auch alle sehr erschöpft. Vielleicht sollten wir trotzdem noch mal zusammenkommen und das Geschehene Revue passieren lassen. Wir sind schon sehr stolz, dass wir dazu beigetragen haben, dass sich in der Gedenkstätte und hoffentlich auch darüber hinaus etwas ändert.

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