Sei kein Nimby, sei ein Nomp

Es gab diese Woche zwei gute Nachrichten: Die EU will Einwegplastik verbieten, und der Klimaschutz kommt endlich ein bisschen voran. Nicht allen gefällt das. Für diese Haltung gibt es ein Wort.

DPA

Demonstration gegen neue Stromtrassen in Bayern

Nachdem die EU diese Woche beschlossen hatte, Wattestäbchen, Plastikteller, Strohhalme und so weiter zu verbieten, gab es hierzulande zum Teil erstaunliche Reaktionen. Man konnte den Eindruck bekommen, Plastikbecher seien ein zentraler Bestandteil der nationalen Identität. Mancher schwärmte ernsthaft von der Haptik von Plastikwattestäbchen. Die Bürger der EU würden „drangsaliert“, konnte man zum Beispiel bei Twitter lesen.

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Das zentrale Argument der Gegner des Plastikverbots ist aber nicht, dass Plastik sich so toll anfühlt, sondern ein anderes: Die anderen sind viel schlimmer. Warum jetzt ausgerechnet wir. Sollen doch die Chinesen erst mal. Oder die Inder.

Wir sind Plastikmüllvizeweltmeister

Tatsächlich stammt der Großteil des Plastiks, das heute die Weltmeere vermüllt, eher aus China, Indonesien, Indien und Vietnam. Auch einige afrikanische Länder sind schlimm, Brasilien ebenso. Deutschland liegt auf der Vermüller-Rangliste sehr weit hinten. Das liegt vor allem daran, dass andere Länder ihren Müll auf offene Deponien oder irgendwo in die Landschaft kippen. Dann tragen Wind und Flüsse ihn ins Meer. Außerdem spielt die Schifffahrt eine große Rolle.

Bei der Produktion von Plastikmüll pro Kopf aber ist Deutschland Spitze: Nur in Guyana wird mehr Plastik pro Kopf weggeworfen. Bei uns ist es ein halbes Kilogramm pro Person und Tag. Das bedeutet aber auch: Das reiche Deutschland ist für die Produkte, die man künftig brauchen wird, um all die Plastikbecher und Wattestäbchen zu ersetzen, ein Spitzenmarkt. Diese Produkte gefallen anschließend vielleicht auch Leuten in anderen Ländern. Man kann die Welt verändern, indem man mit Regulierung neue Märkte erschafft.

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Verschon mein Haus, zünd‘ andre an

Es gibt für die hierzulande so verbreitete „sollen doch erst mal die anderen“-Haltung den schönen englischen Ausdruck Nimbyism. Nimby steht für not in my backyard, nicht in meinem Hinterhof. In Großbritannien ist der Begriff sogar schon zu einer gesellschaftlichen Kategorie geworden: Sei kein Nimby.

Der Begriff existiert schon seit den frühen Achtzigern und bezog sich ursprünglich meist auf konkrete, lokal geplante Einrichtungen, die Menschen zwar an sich befürworten, aber eben bitte nicht in Sichtweite: Strommasten zum Beispiel, Windräder, Unterkünfte für Obdachlose oder Asylbewerber. Die deutsche Entsprechung ist das Sankt-Florians-Prinzip: „Verschon‘ mein Haus, zünd‘ andre an“. In der deutschsprachigen Fachliteratur taucht auch der schön amtliche Begriff „selbstbezogene Fortschrittsblockierer“ auf.

Infraschall und Handystrahlen

Es gibt in den Sozialwissenschaften eine lebhafte Debatte über Sinn und Trennschärfe des Konzepts. Zweifellos ist etwas dran an dem Vorwurf, dass man mit dem Begriff Nimby als Schimpfwort oft jede Kritik als unberechtigt und egoistisch abtun kann.

Gleichzeitig aber ist das Konzept von einem ganzen Schwarm an hochinteressanten kognitiven Verzerrungen umgeben: Um sich nicht unbegründet egoistisch fühlen zu müssen, denn das ruft kognitive Dissonanz hervor, werden ganz neue Begründungen für das Nicht-haben-wollen erzeugt. Ein gutes Beispiel ist vermeintlich gesundheitsschädlicher Infraschall, der angeblich von Windkraftanlagen ausgeht. Nach aktuellem Forschungsstand ist der von Windrädern erzeugte Infraschall genauso schädlich wie „Handystrahlung“: gar nicht. Infraschall ist außerdem „ein alltäglicher und überall anzutreffender Bestandteil unserer Umwelt. Windkraftanlagen leisten hierzu keinen wesentlichen Beitrag“.

Aber „Ihr macht uns krank mit euren Windrädern“ ist eben – auch für einen selbst – ein besseres Argument als „mir gefällt das nicht, baut es woanders hin“. Das gleiche gilt für die mit Angst vor elektromagnetischer Strahlung begründete Ablehnung neuer Stromtrassen. Aber solche erfundenen unsichtbaren Bedrohungen erzeugen bei denen, die an sie glauben, viel Emotionalität. Das wird man schon bald im Forum unter dieser Kolumne nachlesen können.

Die Welt ist unser Hinterhof

Ich glaube mittlerweile, dass das Konzept Nimbyism in der aktuellen globalen Situation noch an Relevanz gewinnt, man muss es aber ausweiten: Der Hinterhof ist in einer globalisierten Welt ein bisschen größer. Der Klimawandel interessiert sich nicht für Gartenzäune.

Der seit Jahren größte, mächtigste und rücksichtsloseste Nimby in Deutschland ist die Automobilindustrie. Als sich die Welt in Katowice endlich auf wenigstens etwas verbindlichere Ziele zur Reduktion des CO2-Ausstoßes verständigt hatte, bemängelte der Lobbyverband VDA tatsächlich, durch neue Grenzwerte würde die „europäische Automobilindustrie im internationalen Wettbewerb stark belastet“.

Sei kein Nimby, sei ein Nomp

Es lohnt sich, die Pressemitteilung des VDA einmal ganz zu lesen, sie ist ein erschütterndes Dokument des institutionellen Nimbyism. Darin steht zum Beispiel, es fehlten „effektive Anreize für Innovationen“. Ernsthaft? Peter Altmaier sprang der Branche als eine Art Hilfs-Nimby zur Seite. Die Argumente sind immer: Das ist alles sehr schwierig. Und teuer. Wenn es um Autos geht, glaubt offenbar plötzlich nicht einmal die Bundesregierung daran, dass man mit Regulierung neue Märkte erschaffen kann.

Liebe Vertreter der Automobilindustrie: Nicht zuletzt durch eure jahrzehntelange Unfähigkeit, Lösungen für die bekanntlich von euren Produkten erzeugten Probleme zu finden, gepaart mit bemerkenswerter krimineller Energie, sind wir jetzt in dieser Situation. Den Leuten auf den Seychellen, den Salomonen und all den anderen Inseln und Küstenstreifen, die demnächst verschwinden werden, ist es egal, dass ihr befürchtet, dass dieser blöde Klimaschutz „Arbeitsplätze gefährdet“.

Auch euren eigenen Kindern ist das übrigens ziemlich egal, denn die werden womöglich in einer Welt leben müssen, die zwar keine Korallenriffe mehr zu bieten hat, dafür aber millionenfache Klimamigration, Monsterstürme, Dürren, riesige Brände, Ernteausfälle und so weiter. Ich finde, das sind eigentlich ganz gute „Anreize für Innovationen“.

Ich hätte da einen Vorschlag: Seien wir doch in Zukunft keine Nimbys mehr.

Lasst uns Nomps werden: not on my planet.

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