Weniger ist mehr!

VW-Werk in Dresden © Paul Langrock/Zenit/laif

Wie verworren und noch nicht ausgestanden die Diskussion um das kollektive Selbstwertgefühl Ost ist! Wie recht doch Christa Wolf mit ihrem Romanauftakt in Kindheitsmuster (1976) hatte: „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“ Ein Beispiel: Was sagt das über wen, wenn sich die 23-jährige Kellnerin in einem Zürcher Spitzenrestaurant auf Nachfrage als Münchnerin ausgibt und dabei so sächsisch klingt, wie es zwischen Gera und Chemnitz eben klingt? Warum läuft der Geschäftsmann aus Hermsdorf erst wieder etwas aufrechter, seit RB Leipzig den Spitzenfußball an die Geburtsstätte des DFB und den Ort des Rekordmeisters bis 1945 zurückgeholt hat? Warum beginnt die 20-jährige Neubrandenburger Soziologiestudentin erst auf die Frage der Münchner Freundin hin, ob es wirklich so schmutzig in Leipzig sei, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen? All dies ausgedacht? Nein, mit Name und Hausnummer belegbar.

Es gibt 2018 keinen Grund mehr, sich zwischen Selbst- und Fremdmarginalisierung beleidigt, pathetisch oder mit dem Gestus des „Das ist ja alles Schnee von gestern“ einzurichten, zumal die Probleme der Gegenwart uns allen neue Denkwege abverlangen. Mit der „Dritten Generation Ost“ flackerte schon kurz die Idee auf, aus der Ost-West-Differenz einen Vorteil zu konstruieren und darauf zu setzen, dass in den Siebzigern geborene Ostdeutsche durch ihre Wendeerfahrungen und ihren unverbrauchten Blick auf die Selbstverständlichkeiten in der Marktwirtschaft einfach besser auf anstehende Wandelprozesse vorbereitet seien.

Ich (Jahrgang 1972, geboren in Thüringen) finde, man kann jetzt die Linien breiter ziehen: Wer will etwa bestreiten, dass über Jahrhunderte das heutige Mitteldeutschland das Powerhouse vieler kultureller, wirtschaftlicher und politischer Entwicklungen war? Wem dazu nur Luther, Goethe und Autos, Uhren oder Porzellan einfallen oder wer nur an die Erfindung des Kindergartens, die Genossenschaftsidee und die erste Tageszeitung der Welt denkt, wird bei näherem Hinsehen manches mehr entdecken können. Da erscheinen die DDR-Jahre wie eine Episode, so einschneidend sie auch waren. Heute entsteht aus dieser Geschichte extrem viel innovatives Potenzial. Die Zukunft kann groß werden. Man muss sie jetzt auch selbstbewusst herbeidenken, herbeischreiben, mit Leben erfüllen.

Dass die neuen Bundesländer die Finanzkrise ab 2007 besser als viele alte Bundesländer überstanden haben, lässt sich messen. Kleinere Firmen konnten sich rascher anpassen, es musste deutlich weniger Kurzarbeitergeld aufgewendet werden. Zumindest für die Wirtschaft ist heute klar, dass ein „Immer mehr“ und „Immer schneller“ nicht dauerhaft das Gemeinwohl absichern und faire Lebenschancen für alle schaffen wird. Was stattdessen ein guter mentaler Kompass sein könnte, zeigte der kürzlich verstorbene Schweizer Ökonom Hans Christoph Binswanger auf: Weniger ist mehr! Denn: Ein Mehr an materiellem Besitz schafft Freiheiten und Abhängigkeiten zugleich. Die Erfahrungen in der DDR zum Umgang mit Eigentum (Enteignung, Volkseigentum, Rückgabe vor Entschädigung) haben tiefe Spuren in der Bevölkerung hinterlassen. Zu Eigentumsfragen, Kindererziehung oder dem Verhältnis zwischen den Geschlechtern hätten die jüngeren Ostdeutschen viel einzubringen.

Eine besondere Bedeutung könnte das tiefe Verständnis osteuropäischer Mentalität und Geschichte bekommen – gerade in einer Zeit, in der Europa vom Zerfall bedroht ist und das Feingefühl für die eigenständigen Entwicklungen in Osteuropa abnimmt. Nur: Wer kümmert sich heute in der jüngeren ostdeutschen Generation darum, diese Positionen in die öffentlichen Debatten offensiv einzubringen und damit an einem gemeinsamen Tuch kultureller und geistiger Werte in der Bundesrepublik zu weben? Wird man später von einem Intellektuellenversagen sprechen müssen?


Amazon-Lager in Leipzig © Martin Jehnichen/laif

Woher der notwendige Antrieb zur kollektiven Selbst(er)findung kommen soll? Aus der Überwindung dessen, was Christa Wolf „sich fremd stellen“ nannte. Ohne produktive, auch schmerzhafte Konfrontation mit tatsächlichen oder auch eingebildeten Prägungen bleiben Blockaden.

Es mutet vielleicht blauäugig an, an „typisch“ ostdeutschen Werten wie solidarischem Verhalten, Zurückhaltung und Bescheidenheit festhalten zu wollen. Und doch können sie ein Vorteil sein in einer Zeit, in der die Lösung der großen Probleme mehr Kooperation erfordert.

Schließlich, eine Formulierung von Goethe abwandelnd: Jeder sei auf seine Art ein Ostdeutscher! Aber er sei’s – ganz entspannt.

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