Reise des Bundespräsidenten

Steinmeiers unheimliche Begegnung mit Chinas Digitalprofis

„Menschen stören eher“: Bei seiner China-Reise informiert sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier über Innovationen in der Digitalisierung. Manches, was er zu sehen bekommt, stimmt ihn skeptisch.

Frank-Walter Steinmeier spricht mit Auszubildenden in Kanton

Frank-Walter Steinmeier sitzt in der „Robotation Academy“ von Foshan, einer der vielen digitalen Hotspots Südchinas. Vor ihm sitzen Manager aus acht Firmen, die sich mit der technologischen Zukunft beschäftigen. Eric Zhou ist da von Huawei, dem Mobilfunk-Konzern, dessen Finanzchefin gerade in Kanada festgenommen wurde. Ein Kollege, dessen Firma sich dem autonomen Fahren verschrieben hat, ist ebenfalls anwesend. Alle preisen ihre Erfindungen; sie schwärmen von der künstlichen Intelligenz, von Maschinen, die Kinder unterrichten und von Robotern, die Rentner pflegen.

Der Bundespräsident ist vorsichtig, ihn interessiert folgende Frage: „Machen wir uns überflüssig? Oder wird das Leben durch künstliche Intelligenz angenehmer?“

Jack Wang meldet sich, einer der Chefs des Roboterherstellers Ubtech: „Ich glaube“, sagt Wang, „die Menschen wird es weiterhin geben.“

Das ist schon mal eine beruhigende Nachricht, China und die Technik, das ist in diesen Zeiten ja so eine Sache. Kaum ein Land der Welt ist ähnlich experimentierfreudig und enthusiastisch, wenn es ums Digitale geht, wie China. Das Land hat mehr Geld und mehr Menschen, es hat mehr Daten und weniger Kontrollen. Letzteres ist der Grund, weshalb der digitale Umbruch hier so sensibel und unberechenbar ist. Steinmeier ist gekommen, um sich ein Bild davon zu machen, wie weit die Chinesen sind. Er will verstehen, wie hier mit den Kehrseiten des Fortschritts umgegangen wird.

In Foshan scheint dieses Bewusstsein eher unterentwickelt zu sein. „Wir haben eine Fabrik von 400.000 Quadratmetern“, sagt Bill Liu, dessen Firma sich auf faltbare Smartphones spezialisiert hat: „In dieser Fabrik sieht man keinen Menschen.“ Wenn da jemand hineingehe, leide die Effizienz. „Menschen stören im Produktionsprozess eher“, sagt er. „Dann kommt vielleicht Staub rein.“ Steinmeier schaut ein wenig ungläubig.

Eric Zhou, der Mann von Huawei, träumt von Smartphones, die die Vorlieben und Lebensgewohnheiten ihrer Besitzer kennen, ihre Schwächen und Stärken und die im Grunde genommen schon antizipieren, was der Nutzer vorhat, bevor dieser selbst sich entscheiden hat. „Das Smartphone soll der persönliche Assistent werden in Beruf und Alltag“, sagt Zhou. Natürlich gingen durch die Automatisierung Jobs in der Produktion verloren. Aber in der Buchhaltung gebe es dafür ganz neue Möglichkeiten.

„Das ist langweilige Arbeit“, sagt er. Wenn Roboter die Quittungen sortierten, dann könnten sich die Kollegen anspruchsvolleren Aufgaben widmen.

Der Bundespräsident ist fasziniert, aber so ganz kompatibel mit den deutschen Arbeitnehmerrechten und der europäischen Datenschutzgrundverordnung sind die Fantasien und Pläne seines Gesprächspartners nicht – weswegen er zuweilen durchblicken lässt, dass er es ganz schön fände, wenn sich die Chinesen künftig ein klein wenig mehr zügelten.

Steinmeier warnt vorsichtig davor, den Menschen aus dem Blick zu verlieren und Überwachungsprozessen Vorschub zu leisten. Und das autonome Fahren? Werfe auch viele Fragen auf. Neugier und Skepsis – mit diesem Zweiklang will er auch einen Beitrag zur deutschen Digitalisierungsdebatte leisten. Er schlägt diesen Ton seit Monaten an, ob auf seiner Reise durch Kalifornien oder beim Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbunds. Steinmeier hat immer schon Schwierigkeiten gehabt, sich in politischen Fragen eindeutig zu entscheiden, was seine Botschaften manchmal unscharf wirken lässt. Beim Thema Digitalisierung und die ambivalente Bedeutung für die gesellschaftliche Entwicklung aber ist es ein kluger Ansatz.

Wenige Stunden später folgt ein Gang durch die Altstadt von Kanton, wobei der Begriff Altstadt nicht völlig zutreffend ist. Manche historischen Bauten stellen sich bei genauerem Hinsehen als Repliken heraus. Das Fassadenhafte, die wachsende Schere zwischen Arm und Reich bei rasend schneller technischer Innovation – man kann in China durchaus interessante Parallelen zu den USA erkennen. Jedenfalls läuft Steinmeier in Kanton durch einen Park, ein paar Männer und Frauen schießen sich mit den Füßen eine Art Federball hin und her. Auch Steinmeier kickt den Federball kurz in die Höhe. Großer Jubel. Ein hübscher analoger Moment.

„Besorgt und beunruhigt“

China lässt sich nicht auf die technische Revolution reduzieren, das Land tritt außenpolitisch mittlerweile mit gewaltigem Selbstbewusstsein auf, es steht in einem Handelskonflikt mit den USA und lässt auch Deutschland seine wirtschaftliche Macht spüren. Steinmeier war schon häufig hier, er weiß, dass Besuche in China für westliche Politiker immer auch ein Spagat sind. Die Nähe, die seit der Öffnung des Landes vor 40 Jahren zu Deutschland und Europa entstanden ist, ist das eine. Die Distanz ist das andere. Ohne mindestens einmal die Menschenrechtslage in dem vom Regime in Peking streng kontrollierten Staat angesprochen zu haben, braucht niemand abreisen.

Am Freitag steht Steinmeier in einer Aula der Sichuan Universität von Chengdu, ein paar Hundert Studenten sitzen vor ihm. Die wachsende Verflechtung lasse auch die Verschiedenheit zwischen Deutschland und China deutlich hervortreten, sagt er. Er spricht von „deutlichen Gegensätzen“, was die Rolle des Individuums angeht und die Verfasstheit der Gesellschaften. Manchmal überkomme die Deutschen ein etwas „mulmiges Gefühl“, wenn sie China beobachteten.

Er blicke bewundernd auf die Veränderungen in China, aber Deutschland, so sagt es Steinmeier, sei auch „besorgt und beunruhigt, wo immer persönliche Freiheiten eingeschränkt werden“. Es sind durchaus klare Sätze, die auch der Regierung in Peking gelten. Von den jungen Studenten kommt höflicher Applaus. Wie seine Botschaften in Peking ankommen, wird Steinmeier bald erfahren. Für Montag ist ein Treffen mit Staatschef Xi Jinping angesetzt.

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